Erfolgreiche Teilnahme am „Rerum Antiquarum Certamen“

Insgesamt zwölf Handruper Schüler*innen aus den Jahrgängen 12 und 13 stellten sich am vergangenen Freitag dem „Rerum Antiquarum Certamen“, dem landesweiten Wettbewerb in Latein. Innerhalb einer vorgegebenen Bearbeitungszeit war ein Abschnitt aus dem „Agricola“ des römischen Schriftstellers Tacitus zu übersetzen und zu interpretieren. Keine leichte Kost, denn die „Latinitas“ dieses römischen Historikers gilt nach wie vor als durchaus anspruchsvoll.
Bei einer Gesamtleistung ab 10 Punkten haben die Schüler*innen die Möglichkeit, eine vom Niedersächsichen Altphilologenverband gestellte Hausarbeit anzufertigen und schließlich an einem Kolloquium (17. bis 19. Juni 2021) in Hannover teilzunehmen. Die Sieger*innen werden mit einem Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes ausgezeichnet.
Den Handruper Teilnehmer*innen und den sie betreuenden Kolleg*innen sei für ihr vorbildliches Engagement herzlich gedankt.

Die geheimnisvolle Welt der Etrusker

Tomba die Leopardi: Diener und Musikanten. Etruskische Wandmalerei. Um 475 v. Chr. Tarquinia; auch abgebildet in: Campus A, Textband, Bamberg 2012, S. 117.

Im Unterrichtswerk „Campus“ (L. 16/17) lernen die Schülerinnen und Schüler die geheimnisvolle Welt der Etrusker kennen. Als „Transportmittel“ für diese Unterrichtssequenz fungiert eine fiktive Kriminalgeschichte, in deren Mittelpunkt der Opferpriester (haruspex) Velthurius steht. Er ist wie seine Familie stark von etruskischen Traditionen durchdrungen und beklagt den Diebstahl seines für die Durchführung religiöser Rituale unabdingbaren „heiligen“ Buches. Dadurch wird nicht nur die Bedeutung des Buches für den Staatskult, sondern auch die damit einhergehende Bedrohung der sozialen Existenz seiner Familie offenbar. Die Spur zur Aufklärung des „Verbrechens“ führt die Lernenden fort von Rom nach Ostia. Als Versteck der Diebe wird die Nekropole der Hafenstadt aufgespürt, die Bande dingfest gemacht, das „heilige“ Buch dem Priester – den Göttern sei’s gedankt – zurückgegeben.

Zwei für die Erschließung etruskischer Kultur und Lebensweise wesentliche Aspekte werden den Lesern dieser Kriminalgeschichte vor Augen geführt: die Bedeutung der (Staats-) Religion und die der Nekropolen für die Jenseitsvorstellungen der Etrusker.

Tatsächlich glaubten die Etrusker an das ständige Eingreifen göttlicher Mächte in ihr Tun und Handeln und ersannen vielerlei Künste, in die Zukunft zu sehen. Ihre Priester deuteten Naturerscheinungen und den Flug der Vögel (augures) oder sie untersuchten die Eingeweide der Opfertiere (haruspices). Die Römer übernahmen diese „Kompetenzen“ und fassten sie als „Disciplina Etrusca“ zusammen.

Was aber wissen wir sonst noch über dieses immer wieder als rätselhaft beschriebene Volk der Etrusker? Vom 7. bis zum 5. vorchristlichen Jahrhundert lebten sie im Gebiet der heutigen Toscana. Woher sie kamen, ist wissenschaftlich bis heute nicht ausgemacht. Sie waren in einem System von Stadtstaaten organisiert und herrschten zeitweilig auch über Rom. Ihre Sprache gehörte nicht der indo–europäischen Familie an und ist zum Teil unübersetzbar. Etwa hundert Jahre dauerte die etruskische Herrschaft über Rom, bis ihr letzter König, Tarquinius Superbus, 509 v. Chr. entmachtet und die römische Republik ausgerufen wurde. Eine Reihe militärischer Niederlagen leitete ab dem 3. Jh. den Niedergang der Etrusker ein, bis ihr Staat im 1. Jh. allmählich mit dem römischen verschmolz. Dennoch blieb der etruskische Einfluss noch lange erhalten. Etruskische Nekropolen mit ihren ausgemalten Grabkammern können heute noch in Mittelitalien besichtigt werden und so lässt sich postum ein relativ konkreter Blick auf die Mentalität dieses tatsächlich rätselhaften Volkes werfen, wenn man zudem griechische und lateinische Schriftquellen hinzuzieht. Danach liebten die Etrusker die Jagd und das Feiern und ihren Frauen wurde gutes Aussehen und eine enorme Trinkfestigkeit attestiert, sogar an männlichen Gastmählern durften sie teilnehmen – aus griechischer Sicht ein Skandalon! So nimmt es nicht wunder, dass die Griechen die emanzipierten Etruskerinnen als sittenlose Gestalten herabgewürdigt haben.

Berühmter Exponent etruskischer Lebensweise war der reiche Maecenas, der die Künste und Wissenschaften zur Zeit des Kaisers Augustus förderte. Stolz war er auf seine etruskischen Wurzeln und wer immer durch Geist und Witz oder durch irgendeine Kunstfertigkeit zur Unterhaltung beizutragen vermochte, fand unschwer Zulass zu seiner Tafel: Dichter, Literaten, Mimen, Tänzer, Sänger, lockere Mädchen, sofern sie nur hübsch genug waren. Schon dieser Umgang war Römern alten Schlages ein Dorn im Auge.

Die Kriminalgeschichte endet nicht zufällig in einer Nekropole. Von ihren Toten verabschiedeten sich die Etrusker mit einem Leichenschmaus. Ganze Hausstände verschwanden dabei in den Grabkammern. An nichts sollte es den Verstorbenen fehlen. Diese Verbundenheit zwischen Lebenden und Toten, dazu ein ausgeprägter Ahnenkult, verweisen auf einen starken Sinn fürs Religiöse.

Von ihnen selbst ist keine Literatur überliefert, nur Inschriften und Urkunden. Das Badische Landesmuseum lässt bei der seit vielen Jahren größten deutschen Etrusker–Ausstellung deshalb archäologische Funde sprechen: Reliefs, Statuen, Waffen und Schmuck: über 400 Exponate. Vieles davon ist erstmals in Deutschland zu sehen.

„Die Etrusker – Weltkultur im antiken Italien“, so der Titel dieser ungewöhnlichen Ausstellung. Sie ist noch zu erleben bis zum 17. Juni 2018, im Landesmuseum in Karlsruhe.

PS: Cicero selbst ist es, der uns das „Augurenlächeln“ erklärt, indem er dem „knorrigen“ alten Cato ein köstliches Bonmot in den Mund legte. „Cato sagte, ja, er wundere sich, dass ein Augur nicht lächeln müsse, wenn er einem anderen Auguren begegne.“  (Johannes Leifeld)

(Bildnachweis)

Hieronymus oder die Kunst des Übersetzens

Das Bild Niccolo Antonio Colantonios „Hieronymus im Gehäuse“ zeigt den Kirchenvater mit goldenem Heiligenschein und in Mönchskutte, wie er völlig unerschrocken einem Löwen einen Dorn aus der Tatze entfernt. Die Szene wird in der mittelalterlichen Legenda Aurea erzählt und seit dieser Zeit ist das Raubtier in der bildenden Kunst ein festes Attribut des Heiligen. Dabei war er kein weltfremder, schüchterner Mann, sondern ein glühender Verteidiger des Glaubens, der zu allen Fragen des religiösen Lebens Stellung nahm, aber auch imstande war, seine Kollegen rigoros als Ketzer zu verunglimpfen. Neben Plautus und Cicero ist er unsere wichtigste Fundgrube für lateinische Schimpfwörter! Aber die Legende formte auch ihn um. Wenn sie von seiner inneren Gelassenheit spricht, dann rühmt sie eine Charaktereigenschaft, die er wohl gern gehabt hätte, die ihm aber nicht gegeben war. Der zahme Löwe im Vordergrund bedeutet vielleicht ein Wunschbild seiner selbst, eine nie ganz erreichte Bändigung seines Temperaments.

Hieronymus wurde in der römischen Provinz Dalmatien 347 geboren. Seine vermögenden Eltern schickten den Siebenjährigen mit der Absicht nach Rom, Grammatik, Rhetorik und Philosophie zu studieren. Er ließ sich bald taufen, ging in den römischen Osten, lebte als Eremit in Syrien, lernte Griechisch und Hebräisch, wurde dort zum Priester geweiht, studierte in Konstantinopel unter Gregor von Nazianz, wurde päpstlicher Sekretär in Rom. Im Alter von 40 Jahren ließ er sich in Bethlehem nieder, gründete dort ein Kloster und starb 420.

Hieronymus war ein umfassend gebildeter Mann und gerade durch seine vielfältigen Sprachkenntnisse eine Ausnahmeerscheinung seiner Zeit, mit der heidnischen Literatur natürlich bestens vertraut. In einem Brief (ep. 22) schildert er die berühmte Traumszene, in der ihn Gott als Weltenrichter für seine Beschäftigung mit Cicero rügt.

Die Hauptleistung des Heiligen Hieronymus ist auf jeden Fall die Herausgabe der lateinischen Bibel. Das Alte Testament übersetzte er völlig neu aus den Ursprachen Hebräisch und Griechisch. Das Neue Testament ist eine Überarbeitung älterer lateinischer Ausgaben mit vergleichender Übersetzung des griechischen Originals. Der sprachliche und inhaltliche Einfluss dieser „Vulgata“ auf die europäische Kultur kann nicht überschätzt werden und seit der Zeit Karls des Großen ist sie bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, also über 1000 Jahre für die römisch–katholische Kirche maßgebend gewesen. Hieroymus selbst verstand seine Schriftstellerei als einen Dienst am Wort und so wundert es nicht, dass ihn moderne Übersetzer zu ihrem Schutzheiligen erkoren haben. Seit 1991 feiern sie den Todestag des Kirchenlehrers, den 30. September, als den Internationalen Übersetzertag.

Zurück zum Bild: Der Betrachter sieht vor seinem geistigen Auge den Gelehrten nach der wundärztlichen Versorgung des Löwen an seinen Schreibtisch zurückkehren: Nicht allein das dort aufgeschlagene Buch, sondern die vielen umherliegenden Zettel auf dem Boden und auf Nebentischchen, mehrere Exzerpte an der Regalwand, eine Menge Lesezeichen in den ohne Ordnung übereinander gestapelten Büchern; Schachteln, Kästchen, Tintenfässchen, Stifte und eine Sanduhr zeigen das akribische Bemühen des Übersetzers. Der Maler scheint die Übersetzertätigkeit des spätantiken Kirchenvaters Hieronymus in seine eigene Gegenwart verlegt zu haben, in die Zeit der Frührenaissance. Und das erzeugt die innere Spannung, die diesem Bild eignet. Der Heiligenschein symbolisiert noch die göttliche Inspiration resp. den göttlichen Geist als Inspirationsquelle, aber um 1500 ist es philologischer Forscherdrang, der die Humanisten antrieb, allen voran Erasmus von Rotterdam, dessen griechische Ausgabe des Neuen Testaments vielleicht die Krönung seiner sprachwissenschaftlichen Leistung bedeutete. Die dargestellte Studierstube, das „Gehäuse“, gibt eine Vorstellung von jener filigranen, zeitintensiven textkritischen Arbeit, die notwendig war, Texte von jahrhundertealten Irrtümern und Abschreibfehlern zu reinigen. Den konservativen Gegnern seiner philologischen Pionierleistung wusste Erasmus zu erwidern, dass Gott durch grammatische Fehler zwar nicht beleidigt, aber doch auch wohl keine Freude daran haben werde. Für Luther war diese Ausgabe die Hauptquelle seiner bahnbrechenden deutschen Übersetzung des Neuen Testaments.

Das Übersetzen aus dem Lateinischen ist ein komplexes Unterfangen und unwillkürlich wird man an Goethes „Faust“ erinnert, wie er um die kontextbezogen sinnvolle Übertragung des griechischen Begriffs „Logos“ (im Prolog des Johannes–Evangeliums) buchstäblich ringt und sich nach „Wort“ und „Sinn“ und „Kraft“ letztlich für die „Tat“ entscheidet. Einen Vorgeschmack davon erfährt jeder Schüler, der das Leoninum besucht. Latein ist hier zweite Pflichtfremdsprache und die Erfahrung zeigt, dass bei der Erschließung des sprachlichen Sinns erhebliche Widerstände überwunden werden müssen. Die Sprache hat es in sich: Ihr Flexionsreichtum und die Freiheit der Wortstellung bedingen eine ungewohnte Variabilität der Satzmuster. Es hält sprachliche Hürden bereit, die zugleich pädagogische Vorzüge sind oder sein könnten. Im Verhältnis zu modernen europäischen Sprachen lässt das Lateinische vieles unausgedrückt; es fehlen Artikel, polysemantische Subjunktionen sind häufig; es ist wortarm und deshalb lexematisch vieldeutig; es spart durch Partizipialkonstruktionen aus, was grammatikalisch zum Beispiel durch Adverbialsätze mitgeteilt werden könnte u.s.w. Wer übersetzt, ist gefordert: Problemsensibilität, Gedankenfluss, geistige Flexibilität, analytische und synthetische Fähigkeiten, Bewertungsfähigkeit, schließlich die Fähigkeit zur Elaboration sind gefragt. Die Schüler werden natürlich an die Kunst des Übersetzens Schritt für Schritt herangeführt und ihre Übersetzungskompetenz steigt von Jahr zu Jahr, in den Kursen mit erhöhtem Anforderungsprofil bis zur Abiturprüfung, die in diesem Fach kontinuierlich sehr erfreulich ausfällt. Und darauf dürfen die Übersetzer zu Recht stolz sein!

Ach ja, die Sanduhr im Gehäuse des Hieronymus – es gibt sie noch. Ob Klassenarbeit oder Klausur, die Zeit läuft (davon). Tempus fugit.

Johannes Leifeld

Benutzte Literatur:

  • https://upload.wikimedia.org/wikipedia
  • Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel, Hg.: H. Hunger u. a., München 1975 (dtv).
  • Rudolf Pfeiffer: Die Klassische Philologie von Petrarca bis Mommsen, München 1982.
  • Lothar Müller: Die zweite Schöpfung, in: Süddeutsche Zeitung, 30.09./01.10. 2017, S. 18.

 

 

 

Transeamus usque Handrupem

Wenn Sie sich am 4. Adventssonntag etwas Ruhe, etwas Gutes und – welch wunderbar altertümlich Wort! – etwas Muße gönnen wollen, dann kommen Sie doch um 17:00 Uhr zur Klosterkirche nach Handrup. „Lasst uns hinübergehen“ heißt auf Latein „transeamus“ und mit diesem Wort beginnt eines von insgesamt fünf Weihnachtsliedern, die der Projektchor aus Schülern, Eltern und Lehrern für Sie eingeübt hat.

Der Text – hier nur der wichtigste Teil – beruht auf der Weihnachtsgeschichte nach Lukas und wiederum einen Teil davon können Sie im Chorfenster der Klosterkirche und auch auf Ihrem Programmheftchen erkennen:

Transeamus usque Bethlehem et videamus hoc verbum, quod factum est. Mariam et Joseph et Infantem positum in praesepio.

Lasst uns nach Bethlehem hinübergehen und sehen dieses Wort, das geschehen ist. Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe liegt.

Das „Transeamus“ hat seinen Ursprung in Schlesien, dort kannte man es bereits am Ende des 18. Jahrhunderts. Der dreistimmige Chorsatz in der Bearbeitung von Adolph Greulich beginnt unmittelbar mit den kräftigen Männerstimmen der Hirten, die sich in unbefangener, einfach-aufrichtiger Art aufmachen, um das Kind in der Krippe zu sehen. Sie singen das „Trans-e-a-mus“ und das „vi-de-a-mus“ klar vernehmlich, in gleichmäßig gesetzten Viertelnoten, schnörkellos und gradlinig, beflügelt vom Chor der Engel aus Sopran- und Altstimmen, die im Terzabstand das stets wiederkehrende „Gloria in excelsis Deo“ anstimmen und in überschwänglicher Freude den Menschen den Frieden auf Erden verkünden (et in terra pax hominibus).

Beim „Transeamus“ mischt sich irdische Freude mit himmlischem Jubel und das alles in einer Sprache, die sich aufgrund ihrer Vokalfülle bestens für den Gesang eignet.

Gönnen Sie sich diesen Genuss!